Portrait Dr. Haber und Kilger - Foto Graggo
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EU: Mehrwert für das ostbayerische Handwerk?

Präsident Dr. Georg Haber und Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger im Interview

Am 26. Mai 2019 wählen die Bürger der EU ein neues Parlament. Doch Brexitdebatte, Uneinigkeiten in der Flüchtlingspolitik, Euroskeptiker an Regierungsspitzen oder Kritik an überbordender Bürokratie fordern das Friedensprojekt heraus. Dass aber die zahlreichen Vorteile der EU eindeutig überwiegen, darüber sind sich Präsident Dr. Georg Haber und Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger von der Handwerkskammer einig: "Die ostbayerischen Handwerker profitieren von der Gemeinschaft."

Warum braucht das ostbayerische Handwerk die EU?

Jürgen Kilger: Die Vorteile der EU sind nicht immer deutlich spürbar, aber sie sind da. Das ostbayerische Handwerk profitiert vor allem vom europäische Binnenmarkt und seinem funktionierenden Waren- und Dienstleistungsverkehr. Viele unserer 38.000 Betriebe liefern in andere EU-Staaten oder erbringen ihre Leistungen dort. Nur dank der EU können sie sich besser im internationalen Wettbewerb behaupten.

Georg Haber: Zudem nehmen wir in Ostbayern aufgrund unserer geographischen Lage eine besondere Rolle ein. Wir sind eine Grenzlandkammer. Ein reibungsloser Austausch mit unseren Nachbarn Österreich und Tschechien ist ein entscheidender Faktor. Für einen Handwerker in Furth im Wald, Freyung oder Passau sind die Märkte in den Nachbarländern einfach näher als viele Orte in Bayern oder Deutschland. Dank der EU können auch diese Märkte relativ unkompliziert erschlossen werden.

Apropos Lage: Viele Betriebe, vor allem in grenznahen Gebieten, profitieren von europäischen Fördermitteln…

Jürgen Kilger: Durch ihr Angebot tragen Handwerksunternehmen gerade in ländlichen Regionen erheblich zur Lebens- und Standortqualität bei. Damit regionale Unterschiede auch weiter abgebaut werden können, bedarf es nach wie vor erfolgreicher Förderprogramme. Hier kommt die europäische Regionalpolitik ins Spiel, insbesondere der EFRE-Fonds. Die EU stellte in der aktuellen Förderperiode rund 495 Millionen Euro für Investitionen in Bayern zur Verfügung. Davon fällt ein beachtlicher Teil auf das ländlich geprägte Ostbayern. Da diese Förderperiode im kommenden Jahr ausläuft, setzten wir uns für eine Fortführung und gleiche Bedingungen ein. Bislang ist aber noch unklar, wie es ausgehen wird, Stichwort Brexit. Da das Vereinigte Königreich in seiner Funktion als zweitgrößter EU-Zahler wegfällt, wird es hier wohl zu Einbußen kommen.

Zum Thema grenzübergreifendes Arbeiten: Sind die Grenzen vollends verschwunden? Oder sehen Sie noch Nachholbedarf?

Georg Haber: In den letzten Jahren hat sich sehr viel getan und der Markt wächst zusammen. Allerdings gibt es noch Hindernisse, die beseitigt werden müssen. Insbesondere braucht das Handwerk Erleichterungen im Hinblick auf Anzeige-, Melde- und Nachweispflichten. Aber auch eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen den Behörden sowie eine einheitliche Umsetzung europäischer Richtlinien sind entscheidend. Für praxisgerechtere Lösungen wäre es außerordentlich wichtig, dass die EU-Institutionen die Akteure vor Ort mehr einbeziehen.

Jürgen Kilger: Außerdem brauchen wir eine stärkere Differenzierung zwischen Großunternehmen und Mittelständlern seitens der EU. Denn die zunehmenden Informations-, Dokumentations- und Berichtspflichten sind für unsere Handwerker zum Teil existenzgefährdend. Der Aufwand ist einfach zu hoch. Doch auch wenn es noch Luft nach oben gibt – was allein der Binnenmarkt mit sich bringt, ist eine großartige Errungenschaft der EU. Um Beispiele zu nennen: Die gemeinsame Währung erleichtert den Austausch von Gütern und Dienstleistungen, das Wettbewerbsrecht verbietet unlautere Praktiken, die Europäische Normung garantiert die gleichen technischen Anforderungen oder die Wechselkursstabilität schützt vor allem kleinere Betriebe vor Wertverlusten.

Ostbayerns Handwerk sucht dringend Fachkräfte und Azubis. Sind Mitarbeiter aus andern EU-Ländern eine Lösung?

Georg Haber: In Ansätzen. Es gibt Projekte der bayerischen Handwerkskammern, die sich beispielsweise an spanische, rumänische oder ungarische Azubis und Fachkräfte richten. Die gesamte Fachkräftelücke kann das aber nicht schließen. Auch Auszubildende aus Tschechien kommen nicht in Strömen zu uns. Der benachbarten Handwerkswirtschaft geht es gut und auch dort wird Nachwuchs gesucht. Das bestätigen auch immer wieder die Teilnehmer der alljährlichen "Marienbader Gespräche". Einer von uns organisierten Zusammenkunft vieler Akteure der bayerischen, tschechischen, österreichischen und slovakischen Wirtschaft.

Jürgen Kilger: Die Chancen bestehen eher darin, grenzübergreifend in Sachen Aus- und Weiterbildung enger zusammenzuarbeiten. Großes Entwicklungspotential auf europäischer Ebene birgt das duale Ausbildungssystem, das in Deutschland nach wie vor der Schlüssel zu einer wachsenden Wirtschaft, Qualität auf höchstem Niveau und niedriger Jugendarbeitslosigkeit ist. Eine Stärkung dieses Systems sowie der weitere Ausbau auf europäischer Ebene bietet zahlreiche Chancen für die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas.

Wenn Sie einen Wunsch an die EU richten könnten, wie würde er lauten?

Georg Haber: So sehr das Handwerk auch von der EU profitiert: Die bürokratischen Belastungen sind nach wie vor enorm. Sie treffen leider vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen besonders hart. Deswegen würde ich mir wünschen, dass die EU-Institutionen jeden Tag mindestens eine belastende Vorschrift streichen.

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