Im Gespräch mit Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer, über die Herausforderungen und Chancen einer Betriebsübernahme.
Interview mit Dr. Georg Haber„Übernehmen statt Gründen kann eine große Chance sein“
In den nächsten Jahren stehen in Ostbayern hunderte Handwerksbetriebe zur Übernahme an. Die Betriebsberatung der Handwerkskammer begleitet den Nachfolgeprozess auf Wunsch entscheidend mit. Am Anfang dieses Prozesses steht oft die HWK-Betriebsbörse, eine Online-Plattform, auf der sich potentielle Betriebsübergeber und interessierte Übernehmer kostenlos registrieren lassen können. Die Betriebsbörse gibt es inzwischen seit 30 Jahren. Zum Jubiläum haben wir mit HWK-Präsident Dr. Georg Haber über die Herausforderungen und Chancen einer Betriebsübernahme gesprochen.
Herr Dr. Haber, wenn Sie eine Handwerksmeisterin oder ein Handwerksmeister diesbezüglich um Rat fragen sollte: lieber neu gründen oder lieber einen bestehenden Betrieb übernehmen?
Das kommt ganz darauf an, wie die individuellen Vorstellungen sind. Bei einer Neugründung muss man – oder kann man, je nach Sichtweise – alles selbst gestalten: Marktauftritt, Kundenakquise, Mitarbeiterfindung und vieles mehr. Bei einer Betriebsübernahme tritt man im Grunde in einen bereits fertig organisierten Betrieb ein. Da ist zumindest am Anfang die Handlungsfreiheit vielleicht nicht so groß, aber dafür baut man schon auf einem guten Fundament auf. Als Präsident der Handwerkskammer plädiere ich durchaus dafür, die Möglichkeit einer Betriebsübernahme zumindest immer mit in Betracht zu ziehen. Denn: wir haben so viele wirklich hervorragende Betriebe in Ostbayern – das sind Chancen, die man mindestens prüfen und sich in gewisser Weise auch nicht entgehen lassen sollte. Gerade junge, mutige Meister, die den Schritt in die Selbstständigkeit relativ früh wagen und aufgrund ihrer guten Ausbildung meiner Meinung auch wagen können, profitieren oft von der Übernahme eines alteingesessenen Betriebs. Der bisherige Inhaber steht häufig noch eine Zeitlang mit Rat und Tat zur Seite, die Kunden sind meistens froh, dass es mit dem Betrieb weitergeht und halten ihm die Treue und die Mitarbeiter bleiben bei einem gut und umsichtig organisierten Übergang in der Regel auch mit an Bord.
Apropos: Wie sollte eine gelungene Betriebsübergabe im Optimalfall ablaufen?
Mit einem gut organsierten Zeitplan und klaren Rollenverständnissen. Es kommt der Zeitpunkt, an dem das Ruder übergeben wird und dann muss – insbesondere gegenüber Mitarbeitern aber auch Kunden – klar kommuniziert und auch gelebt werden, wer das Sagen im Unternehmen hat. Bei den juristischen und bürokratischen Dingen kann man sich immer Hilfe holen. Unsere Betriebsberater kennen den Prozess und helfen bei allen Fragen. Das Zwischenmenschliche muss aber genauso gut passen und sollte nicht außer Acht gelassen werden.
Viele fürchten hohe bürokratische Hürden. Zu Recht?
Kurzum: ja. Aber die gibt es sowohl bei der Betriebsübernahme als auch genauso bei der Neugründung. Wir arbeiten intensiv daran, dass die Bürokratie zurückgefahren wird, aber manchmal sind hier wirklich dicke Bretter zu bohren. Es gibt kleine Erfolge und ich denke, die Politik hat die Probleme schon erkannt. Aber eben noch nicht gelöst. In der Zwischenzeit versuchen unsere Beraterinnen und Berater auch hier, bestmöglich zu unterstützen.
Kann unter Umständen auch die jeweilige Kommune dazu beitragen, dass eine Betriebsübergabe erfolgreich wird?
Auf jeden Fall – hier sind alle „Stakeholder“ gefragt. Von den Kommunen erwarte ich, dass sie sich als Dienstleister für die Betriebe vor Ort verstehen und Themen wie beispielsweise das Baurecht oder auch Stellplatzverordnungen und vieles mehr im Sinne der Betriebe vor Ort ausgestalten. Für die Verwaltung gibt es durchaus Entscheidungsspielräume. Bei Problemen sollte sie deshalb immer auch beratend tätig sein und Möglichkeiten innerhalb der gegebenen Regelungen aufzeigen. Diese „Hands-on-Mentalität“ wünsche ich mir in den Kommunen mehr, als dies bisher der Fall ist.
Viele Übernehmer berichten aktuell von schwierigen Bankgesprächen und einer regelrechten Kreditklemme. Entspricht das den Tatsachen und gibt es auch Förderprogramme?
Ich denke nicht, dass wir derzeit von einer Kreditklemme sprechen müssen. Aber wir sehen schon, dass es schwieriger wird, Finanzierungen zu bekommen. Das betrifft im Grunde auch Förderkredite, da diese immer über die Hausbank beantragt werden müssen. Die Bankenregulierung insgesamt aber auch aktuelle Themen wie die Nachhaltigkeitsberichtserstattung machen es für Banken nicht leichter, Kredite an kleine und mittelständische Betriebe zu vergeben. Ich bin der Meinung, dass sich das dreigliedrige Bankensystem in Deutschland absolut bewährt hat und unbedingt erhalten werden muss. Und wir machen uns dafür stark, dass kleine und mittelständische Kreditinstitute auch weiterhin rentabel Kredite an Handwerksbetriebe vergeben können.
Was wünschen Sie sich hier vonseiten der Politik?
Nicht nur Ankündigen, sondern Taten. Vorschläge für Vereinfachungen und Entbürokratisierung haben wir zuhauf auf den Tisch gelegt und in vielen Bereichen auch schon mit Verantwortlichen in der Politik besprochen. Nun muss die Umsetzung erledigt werden.
Wie kann die Handwerkskammer den Nachfolgeprozess unterstützen?
Wir unterstützen, wie bereits schon erwähnt, durch umfangreiche Beratungen in betriebswirtschaftlichen, rechtlichen und technischen Fragen. Aber noch viel wichtiger: wir nehmen Übergeber und Übernehmer an der Hand und gehen mit ihnen den Nachfolgeprozess von Anfang bis Ende durch, begleiten und moderieren. Das ist ein einzigartiges Angebot und für unsere Mitglieder kostenfrei. Und damit sich die geeigneten Partner auch finden und die Übergabe angegangen werden kann, dafür haben wir unsere Betriebsbörse.
Glauben Sie, dass ein eigener Handwerksbetrieb auch in Zukunft Garant für eine sichere Existenz ist?
Ja, uneingeschränkt ja.
DHZ-Artikel
Ein Artikel aus der Deutschen Handwerks Zeitung vom 6. März 2026.