Probezeit mit Bravour bestanden: Seit einem halben Jahr steht Jürgen Kilger an der Spitze der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.
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Probezeit mit Bravour bestanden: Seit einem halben Jahr steht Jürgen Kilger an der Spitze der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz.

Auch in Zukunft bleibt Handwerk individuelles "Hand-Werk"

Wo steht das ostbayerische Handwerk? Interview mit HWK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger.

Herr Kilger, seit etwa einem halben Jahr stehen Sie der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, der zweitgrößten Bayerns, vor. Seit 28 Jahren sind Sie bereits dort tätig, von 2012 bis Ende letzten Jahres als stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Wie fällt Ihre Bilanz für die ersten Amtsmonate an der Spitze aus?

"Ganz klar positiv. Es ist jeden Tag aufs Neue spannend, zusammen mit dem Ehrenamt die Wirtschaftsgruppe Handwerk in der Politik und der Gesellschaft zu vertreten. Meine neue Position gibt mir die Möglichkeit, die Belange des Handwerks noch stärker in die Öffentlichkeit zu transportieren."

Wo sehen Sie ganz konkret die Stärken der "Wirtschaftsmacht von nebenan" - wie das Handwerk in der bundesweiten Imagekampagne genannt wird - in Ostbayern?

In seinen regionalen Wurzeln. In der Stadt und auf dem Land stellt es die Nahversorgung der dort lebenden Menschen sicher. Der Bäcker liefert tägliches frisches Brot, der Kfz-Mechatroniker bringt das Auto wieder zum Laufen, der Anlagenmechaniker für Sanitär-Heizungs-und Klimatechnik sorgt für die ideale Haustechnik. Die Kunden kennen und schätzen ihren Handwerker vor Ort und umgekehrt. Diese persönliche Nähe schafft Vertrauen. Des Weiteren sichert das Handwerk, meist in Form von Familienbetrieben, in unserer Region wichtige Arbeitsplätze. Last but not least: Das Handwerk liefert und garantiert eine hohe Qualität seiner Produkte und Dienstleistungen."

Die letzte Konjunkturumfrage zur wirtschaftlichen Lage des ostbayerischen Handwerks bestätigte wieder eine sehr gute Konjunktur. Können diese Spitzenwerte gehalten werden?

"Die Konjunktur im Handwerk ist im Moment bestens, die Auftragsbücher sind voll. Auch eine baldige Eintrübung ist nicht in Sicht. Dennoch gibt es eine Reihe von Einflussfaktoren, die auf kurz oder lang zu einer Belastung führen können. Beispielsweise erschweren Mobilitätseinschränkungen, darunter drohende Dieselfahrverbote, den Handwerkern das Arbeiten. Ein weiteres Risiko ist, dass sich durch internationale Beschränkungen und Zölle Rohstoffe und Produkte verteuern, auf die das Handwerk angewiesen ist. Doch die aktuell größte Herausforderung ist wohl der Fachkräftebedarf, der derzeit nicht im nötigen Maß gedeckt werden kann."

Dem Handwerk fehlt also qualifiziertes Personal. Was tun die Kammern und Verbände, um für das Handwerk zu begeistern?

"Die bayerischen Nachwuchskampagnen wie "Macher gesucht" und "Elternstolz" und auch die bundesweite Imagekampagne des deutschen Handwerks kommen bereits zum Tragen. Mit Blick auf den demografischen Wandel und den anhaltenden Trend zur Akademisierung sind die Lehrlingszahlen weitestgehend stabil. Mit diesen Bemühungen wollen wir verstärkt kommunizieren, dass eine Lehre im Handwerk vielseitige Entwicklungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten in der Heimat ermöglicht. Das muss einfach noch bekannter werden, auf allen Ebenen. Darauf zielt unsere Forderung der verpflichtenden Berufsorientierung in allen allgemeinbildenden Schulen ab - von der Mittelschule bis zum Gymnasium. Denn das Handwerk hält für jeden etwas bereit."

Und was raten Sie Betrieben, die Auszubildende suchen?

"Investieren Sie verstärkt in ihr Ausbildungsmarketing! Funktionierte die Rekrutierung junger Menschen früher über eine Stellenanzeige in der Lokalpresse, bieten Facebook und Co heute ganz andere Möglichkeiten. Man muss die Jugendlichen dort abholen, wo sie sich bewegen, im Netz. Auch das eigene Betriebsimage und das digitale Erscheinungsbild werden immer wichtiger. Kurzum: Betriebe müssen klarmachen, warum es sich lohnt, bei ihnen eine Ausbildung zu absolvieren."

Welche weiteren Herausforderungen brennen den Handwerksbetrieben unter den Nägeln?

"Vor allem kleinere Betriebe leiden oft an überbordenden Bürokratieanforderungen. Hier setzen wir uns regelmäßig an den entsprechenden politischen Stellen für eine Erleichterung ein. Ein weiteres Thema für Ostbayern ist die Regionalförderung. Denn 2020 werden die Weichen neu gestellt. Wir fordern für die neue Strukturförderperiode, dass die regionale Unterstützung erhalten bleibt. Eine absolute Großbaustelle für die kommenden Jahre ist zweifelsfrei die Digitalisierung - mit all ihren Facetten und Auswirkungen. Die Chancen und Komplikationen, die aus ihr entstehen, muss das Handwerk annehmen und umsetzen. Entscheidend ist es nun, die Digitalisierung auch in der beruflichen Ausbildung zu verankern.

Apropos Digitalisierung: Inwiefern wird sich handwerkliches Arbeiten verändern? Wie wird der Arbeitsalltag eines Handwerkers in zehn Jahren aussehen?

Was fest steht: Die Digitalisierung wird in allen Handwerksbranchen Einzug halten, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Ob 3D-Drucker, Management-Software oder Laser-Scan - digitale Lösungen haben heute schon Arbeits- und Vertriebsprozesse verändert. Daran hätte vor ein paar Jahren niemand gedacht. Die Entwicklung der digitalen Möglichkeiten und neuer Geschäftsmodelle wird in rasantem Tempo so weitergehen.

Ist sie damit ein Risiko für das Handwerk?

Nein, kein Roboter wird das Handwerk komplett ersetzen können. Ich bin überzeugt, dass es immer "Hand-Werk" braucht. Denn der Wirtschaftsbereich zeichnet sich durch einen hohen Grad an Individualität bei der Umsetzung von Kundenwünschen aus. Das wird auch in Zukunft gefragt sein, wahrscheinlich mehr denn je.

Wenn Sie drei Wünsche für das Handwerk frei hätten, wie würden sie lauten?

Mein erster Wunsch wäre, dass das Handwerk endlich den Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt, den es verdient hat. Immerhin sind Handwerk und Mittelstand der Garant dafür, dass es uns in der Bundesrepublik so gut geht. Zweitens: Dass mehr Jugendliche ins Handwerk gehen und dass sich Eltern ernsthaft mit den Eignungen und Neigungen ihrer Kinder auseinandersetzen und sie zu Karrierewegen jenseits des akademischen ermutigen. Drittens: Eine anhaltende gute Konjunktur.

Was begeistert Sie ganz persönlich am Handwerk, für das Sie sich tagtäglich einsetzen?

Das Handwerk in seiner Vielfältigkeit fasziniert mich, kein Thema gleicht dem anderen. Außerdem habe ich bei vielen Terminen die Möglichkeit, persönliche Gespräche mit Unternehmern zu führen und auch ihr direktes Feedback zu erfahren. Das prägt letzten Endes auch meine Arbeit. Eine Besonderheit im Handwerk ist die familiäre Prägung. Dadurch haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine enge Beziehung zueinander. Ich schätze das sehr, auch aus eigener Erfahrung, ich komme nämlich selbst aus einem Handwerksbetrieb.



 Ansprechpartner

Jürgen Kilger
Hauptgeschäftsführer

Tel. 0851 5301-101
Fax 0851 5301-281101
juergen.kilger--at--hwkno.de



Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, sprach über seine ersten sechs Monate im Amt und seine Einschätzung des ostbayerischen Handwerks in Zukunft.
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Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, sprach über seine ersten sechs Monate im Amt und seine Einschätzung des ostbayerischen Handwerks in Zukunft.



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