Flagge für einen gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraum in der Grenzregion zeigten bei den Marienbader Gesprächen 2012 (von links): Konrad Treitinger, Vizepräsident der Handwerkskammer, der Marienbader Bürgermeister Zdenek Král, die slowakische Konsulin Dagmar Urbanova, Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Toni Hinterdobler, der Weidener Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und der tschechische Konsul Dr. Vladimir Krnavek.

HWK
Flagge für einen gemeinsamen Wirtschafts- und Lebensraum in der Grenzregion zeigten bei den Marienbader Gesprächen 2012 (von links): Konrad Treitinger, Vizepräsident der Handwerkskammer, der Marienbader Bürgermeister Zdenek Král, die slowakische Konsulin Dagmar Urbanova, Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Toni Hinterdobler, der Weidener Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und der tschechische Konsul Dr. Vladimir Krnavek.

Marienbader Gespräche 2012

Jugendliche entwerfen Vision für den Grenzraum

Die heranwachsende Generation stand im Fokus der Marienbader Gespräche. Zum fünften Mal diskutierten Vertreter von Institutionen, Behörden und Firmen im westböhmischen Marienbad über die Zusammenarbeit im deutsch-tschechisch-österreichischen Grenzraum. „Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben wir viel erreicht“, sagte Organisator Ludwig Rechenmacher von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Damit der Grenzraum zwischen den Metropolregionen München, Nürnberg, Prag und Wien aber noch weiter zusammenwächst, müsse die nächste Generation in die Bemühungen einbezogen werden.

Erstmals fand bei den Marienbader Gesprächen daher neben den bewährten Arbeitskreisen ein „Zukunftsatelier Jugend“ statt. 18 junge Frauen und Männer aus Tschechien und Deutschland entwarfen eine Vision für das künftige Leben im Grenzraum. Die Jugendlichen – allesamt durch Austauschprogramme erprobte Grenzgänger – machten vor allem die unterschiedliche Sprache als Hindernis für die Zusammenarbeit aus. Gerade auf deutscher Seite gebe es Nachholbedarf, was das Tschechisch-Lernen angeht, meinten sie. Die Jugendlichen regten an, Kinder bereits in jungen Jahren spielerisch an die jeweils andere Sprache heranzuführen. „Genauso müssen die Kinder aber die Kultur und die Lebensweisen des Nachbarlands kennenlernen, um Vorurteile abzubauen“, sagte der 18-jährige Jakub Klimeš aus Tachov. „Die Tschechen müssen die Mentalität der Deutschen begreifen und umgekehrt.“

18 Jugendliche aus Tschechien und Deutschland präsentierten bei den Marienbader Gesprächen 2012 ihre Visionen für ein künftiges Leben im Grenzraum: Jakub Klimes aus Tachov (li.) und Svetlana Novakovic aus Regensburg (re.) machten vor allem die Sprache als Hindernis aus.

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18 Jugendliche aus Tschechien und Deutschland präsentierten bei den Marienbader Gesprächen 2012 ihre Visionen für ein künftiges Leben im Grenzraum: Jakub Klimes aus Tachov (li.) und Svetlana Novakovic aus Regensburg (re.) machten vor allem die Sprache als Hindernis aus.

Wie das Erlernen der gegenseitigen Sprache praxisnah klappen kann, berichtete Therese Reinel. Die Leiterin des Sprachkompetenzzentrums Niederösterreich hat die Erfahrung gemacht, dass die Menschen im Grenzraum vor allem fachspezifische Kurse in Tschechisch oder Deutsch schätzen. So seien etwa Spezialseminare für Musikvereine oder Feuerwehren gefragt. „Bei einem grenzübergreifenden Feuerwehreinsatz kennen die Einsatzkräfte dann die wichtigsten Wörter wie Pumpe“, sagte Reinel. Diese Sprachkenntnis könne in einer brenzligen Situation entscheidend sein.

Einen prüfenden Blick warfen die Teilnehmer der Marienbader Gespräche auf die im Sommer neu gegründete Europaregion Donau-Moldau. Der Zusammenschluss von sieben ländlich geprägten Regionen im Grenzraum von Ostbayern, Österreich und Tschechien soll ein Gegengewicht zu den Metropolregionen schaffen. „In den nächsten vier Jahren werden wir sehen, ob die Europaregion den Elchtest besteht“, sagte Dr. Günther Knötig, der das Projekt Europaregion Donau-Moldau auf österreichischer Seite koordiniert.

Sechs Millionen Menschen wohnen im 60 000 Quadratkilometer großen Gebiet der Europaregion. Um der Region ein Gesicht zu geben und ein enges Netzwerk zwischen Institutionen und grenzübergreifenden Projekten zu stricken, wird derzeit eine laut Knötig „schlanke, aber effiziente Struktur“ aufgebaut. Regelmäßig tagen werden ein Präsidium mit politischen Vertretern der Regionen sowie ein trilaterales Koordinierungsgremium. Eine gemeinsame Geschäftsstelle – die vorerst in Linz stationiert ist – sowie je eine Kontaktstelle pro Region sollen sich um das Tagesgeschäft kümmern.

Zu den Themen, die in der Europaregion vorangebracht werden sollen, gehören die Forschung, die Zusammenarbeit der Hochschulen, die Unternehmenskooperation, ein offener Arbeitsmarkt, der Tourismus, die Verbesserung der Verkehrswege sowie den Ausbau regenerativer Energien. „Gerade bei der Erzeugung erneuerbarer Energien sind wir den Metropolregionen voraus“, betonte Knötig. Keinesfalls sei die Europaregion ein Ersatz für bereits bestehende Organisationen im Grenzraum, sagte er. „Sie möchte vielmehr ein Dach anbieten für die Vielzahl der Akteure im Grenzraum.“

Als Fan einer gemeinsamen Grenzregion outete sich Weidens Oberbürgermeister Kurt Seggewiß. „Ich fühle mich den Westböhmen näher als den Oberbayern“, sagte er. Seggewiß zeigte sich beeindruckt von der Entwicklung der Marienbader Gespräche als Plattform für im Grenzraum tätige Akteure. „Im ersten Jahr war alles viel kleiner und es wurde fast nur Deutsch gesprochen“, sagte er. Heuer trafen sich über 150 Firmen- und Behördenvertreter in Marienbad, fast die Hälfte davon waren Tschechen.

Eine künftige Erweiterung der Marienbader Gespräche kündigte sich durch den Besuch der slowakischen Konsulin Dagmar Urbanova an. Sie gratulierte den Organisatoren der Marienbader Gespräche zum „lebendigen Gedankenaustausch“ und sagte für das nächste Jahr die Teilnahme von slowakischen Vertretern zu. „Bayern ist für die Slowakei als Handelspartner das wichtigste deutsche Bundesland“, betonte Urbanova. Den weiteren soliden Aufbau eines gemeinsamen Europas forderte Toni Hinterdobler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. Das vernehme er als Auftrag, wenn er mit jungen Leuten spreche. „Sie fühlen sich ihren Nationalstaaten zugehörig und wollen gleichzeitig als Europäer leben“, sagte Hinterdobler.